Bohm-Dialog
- Typische Dauer:
- 1h
Eine strukturierte Praxis des kollektiven Denkens, bei der Teilnehmende Annahmen suspendieren, urteilsfrei zuhören und gemeinsam Bedeutung erkunden — ohne Einigung oder Entscheidungen anzustreben.
Zweck
Der Bohm-Dialog, inspiriert von den Einsichten des Physikers David Bohm in Denken und Kommunikation, ist eine Praxis des gemeinsamen Denkens. Anders als Diskussion (die Dinge zerlegt) oder Debatte (die Gewinner sucht), sucht Dialog nach geteilter Bedeutung. Teilnehmende suspendieren ihre Annahmen, hören auf den Bedeutungsfluss in der Gruppe und beobachten ihre eigenen Denkprozesse — und schaffen so die Bedingungen für genuines neues Verständnis.
Auf einen Blick
| Merkmal | Detail |
|---|---|
| Gruppengröße | 10–40 |
| Dauer | 60 Min. (Einzelsitzung; fortlaufende Praxis: wiederkehrend) |
| Schwierigkeit | Mittel–Fortgeschritten |
| Facilitationsstil | Minimale Facilitation; selbstregulierender Kreis |
| Setting | Stühle im Kreis ohne Tisch; keine Hierarchie in der Sitzordnung |
Ablauf
- Eröffnung (5 Min.). Prinzipien vorstellen: Annahmen suspendieren, eigene Reaktionen beobachten, zuhören ohne Antwort zu planen, zur Mitte des Kreises sprechen (nicht zu Einzelpersonen).
- Check-in (10 Min.). Jede Person spricht kurz: Was bringe ich in diesen Raum mit? Was beschäftigt mich? Keine Antworten oder Kreuzdiskussion.
- Dialog (35 Min.). Raum öffnen. Keine Agenda, keine steuernde Facilitation, kein Ziel der Einigung. Wer bewegt ist, spricht. Stille ist willkommen. Annahmen benennen: "Ich bemerke, ich nehme an, dass..." Reaktionen teilen: "Ich bemerke, ich reagiere auf..."
- Meta-Reflexion (10 Min.). Zum Prozess reflektieren: Was haben wir über unser kollektives Denken bemerkt? Wo blieb die Gruppe stecken? Wo entstand etwas Neues?
Material
- Stühle im einzelnen Kreis angeordnet
- Optional: Redegegenstand (Stein, Stab) für Gruppen, die neu in der Praxis sind
- Timer (unauffällig)
- Gedruckte Prinzipien-Karte pro Teilnehmer*in
Stolperfallen & häufige Fehler
- Als Diskussion behandeln. Wenn Teilnehmende anfangen, Probleme zu lösen oder zu debattieren, sanft umlenken.
- Facilitator kontrolliert zu viel. Facilitator baut den Container auf, steuert aber nicht den Inhalt.
- Ungeduld mit Stille. Stille ist produktiv im Bohm-Dialog. Hastiges Füllen verfehlt den Zweck.
- Ergebnisse erwarten. Bohm-Dialog ist eine Praxis, kein Problemlösungstool.
Inklusion & Barrierefreiheit
- Kreisformat und Nicht-Hierarchie-Prinzip unterstützen Inklusion natürlich.
- Redegegenstand kann sicherstellen, dass alle Raum zum Sprechen haben.
- Option zum Passen anbieten — Sprechen ist einladungsbasiert, nicht verpflichtend.
- Beachten, dass die Praxis für handlungsorientierte Kulturen ungewohnt sein kann — Erwartungen klar rahmen.
Varianten
- Thematischer Bohm-Dialog: Mit generativer Frage oder Thema beginnen (kein zu lösendes Problem).
- Fishbowl-Bohm: Innerer Kreis dialogisiert, äußerer Kreis beobachtet, dann tauschen.
- Geh-Dialog: Paare gehen gemeinsam im Dialog, dann im Kreis zusammenkommen.
Wann NICHT einsetzen
- Wenn die Gruppe konkrete Entscheidungen oder Aktionspläne braucht.
- Wenn das Vertrauen zu niedrig für Verletzlichkeit und Annahmen-Teilen ist.
- Wenn die Zeit extrem begrenzt ist — Bohm-Dialog lässt sich nicht in 20 Minuten pressen.
Quelle & Weiterlesen
- Bohm, D. (1996). *On Dialogue*. Routledge.
- Isaacs, W. (1999). *Dialogue and the Art of Thinking Together*. Currency/Doubleday.
- Senge, P. (2006). *The Fifth Discipline*. Rev. Aufl. Currency/Doubleday.
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